Hans-Jürgen Gröschel feiert heute seinen 75. Geburtstag

(16.06.2018/wis) Am heutigen Samstag und damit gleichzeitig am Renntag der Wohnungswirtschaft auf der Neuen Bult, feiert der Altmeister der Trainerzunft, Hans-Jürgen Gröschel, seinen 75. Geburtstag. Wir gratulieren ganz herzlich und wünschen alles Gute für die Zukunft, sowie „Hals & Bein" für seinen erfolgreichen Rennstall. Wir blicken zurück auf seine bisherige Karriere:

Hans-Jürgen Gröschel, geboren am 16.06.1943 in Dresden, hatte 1961 am Rennstall Graditz in Hoppegarten bei Trainerlegende Richard Kortum seine Ausbildung zum Facharbeiter für Pferdezucht und Leistungsprüfungen absolviert. Dabei stieg er gelegentlich auch in den Rennsattel. „Meine Gewichtserlaubnis werde ich aber mit ins Grab nehmen" schmunzelt Hans-Jürgen Gröschel noch heute. Viel Spielraum auf diesem Betätigungsfeld gab es nicht, denn Gewichtsprobleme setzten zeitig enge Grenzen. Umso größer war am 19. Oktober 1969 in einem Hürdenrennen in Dresden-Seidnitz die Freude. Im Sattel der Stute Sinfonie sorgte Hans-Jürgen Gröschel für den 1.000 Sieg seines Vaters als Trainer. Die Freude war aber nur von kurzer Dauer: Die Rennleitung disqualifizierte Sinfonie wegen schrägen Springens und Behinderung eines Konkurrenten am letzten Hindernis. „Das tat sehr weh", erinnert sich Gröschel an die Entscheidung der Stewards.

Nach seiner Lehrzeit startete er 1964 bei seinem Vater Hans in Dresden-Seidnitz am Rennstall Hochkirch als Futtermeister und trat 1972 in die Fußstapfen des Vaters. Seinen ersten Sieger sattelte Gröschel am 15. April 1973 im Leipziger Scheibenholz mit der dreijährigen Stute Ina. Im selben Jahr sorgte Dessau für einen Triumph im Hoppegartener Stutenpreis. Nur kurze Zeit später wurden bereits andere Maßstäbe gesetzt: Mit 45 Siegen auf der Flachen und 5 Erfolgen auf der Hindernisbahn wurde die Saison 1976 die erfolgreichste in der Karriere des Hans-Jürgen Gröschel in der DDR.

Mit dem dreijährigen Meridian-Sohn Falkensee gewann Gröschel nicht nur den Grand Prix der DDR sondern auch das St.Leger der DDR sowie das St.Leger Polens. Zu den Aushängeschildern des Stalles gehörte Auerberg, der 1984 als Zweijähriger im Preis von Budapest für den einzigen Sieg der DDR-Equipe beim Internationalen Vollblut-Meeting in Hoppegarten sorgte. Auerberg gewann außerdem noch den Herbstpreis der Zweijährigen sowie als Dreijähriger den Großen Frühjahrszuchtpreis, was ihm klassischen Siegeslorbeer einbrachte. Erinnert sei aber auch an Witold, der sich an der Spitze der Meilen-Pferde der DDR etablierte. Tragende Rollen über Hindernisse spielten Adebar, der in Pardubitz als Sieger das Geläuf verließ, sowie Wildsee, der mit dem Preis der NVA das schwerste Jagdrennen der DDR gewann. Von 1975 bis 1986 war der Gröschel-Stall der erfolgreichste der Dresdner Trainingszentrale. Einen besonderen Treffer markierte am 15. Juni 1986 für Hans-Jürgen Gröschel die Stute Ottawa, die mit ihrem Erfolg im Stutenpreis der Zweijährigen für den 400. Sieg des Trainers sorgte. Ende 1989 standen auf seinem Erfolgskonto insgesamt 488 Siege. Davon kamen nicht weniger als 53 Erfolge auf der Hindernisbahn zustande.

In der sich veränderten politischen Situation begründet, endete 1989 die annähernd 50-jährige Familiengeschichte der Gröschels in Dresden-Seidnitz. „Als ich merkte, dass die DDR anfängt zu wackeln, wollte ich weg" beschreibt Hans-Jürgen Gröschel seinen Entschluss, noch in der Endphase der DDR einen Ausreiseantrag zu stellen. Wie schnell die Mauer letztlich fiel, zeigt die Tatsache, dass die politische Entwicklung die Zustimmung der DDR-Behörden nicht mehr erforderlich machte. Dennoch blickt Gröschel nicht ohne Wehmut zurück in die Zeit der Wende: „Meine Dresdner Jahre waren eine unvergessliche und schöne Zeit. Nur mit Wehmut habe ich meiner Heimatstadt den Rücken gekehrt. Aber um beruflich noch etwas zu erreichen, musste ich diesen Schritt gehen", begründet er seinen damaligen Entschluss, der ihm alles andere als leicht gefallen war. Zu sehr hatte der Name Gröschel den Galopprennsport in den heutigen ostdeutschen Bundesländern ein halbes Jahrhundert geprägt. Neben seinem Vater hatten sich auch Bruder Ecki sowie drei seiner Onkel als Trainer oder Jockey dem Sport verschrieben.

Im September 1990 war es dann soweit: Auf der Neuen Bult in Langenhagen gab es den Neustart. Zunächst als angestellter Trainer des Stalles Silbersee von Bernhard Gerdes. Nur ein halbes Jahr später folgte der Schritt in die Selbstständigkeit. Seinen ersten Sieger „im Westen" sattelte Gröschel in Dortmund-Wambel am 29. September 1990 mit Stall Silbersees Satellit, der von Lutz Mäder geritten wurde.

Die nächste magische Hürde wurde am 23. August 1991 genommen mit dem 500. Sieg durch Peloux im Sachsen-Weimar-Rennen in Baden-Baden. In den Folgejahren betreute Hans-Jürgen Gröschel eine ganze Menge guter Pferde, wie u.a. den fünffachen Ausgleich I-Sieger Mut, den Gröschel in den Jahren von 1993 bis 1997 von kleinsten Anfängen bis in das höchste Handicap führte. Auch Supreme Dominie und Lillebror etablierten sich in dieser Klasse. Zu Listensiegern avancierten in dieser Zeit u.a. Ircanda, Lyrical, Green Fantasy, Glentire und Lord Areion, der den Premio Eupili in Mailand gewinnen konnte. Aber auch Listensiege auf der Hindernisbahn gab es: Hier sind Skywalker und vor allem Rennstall Darbovens Pocci zu nennen, der gleich dreimal auf Listenparkett im illegitimen Metier auf die Erfolgsspur fand.

Seinen bis dahin größten sportlichen Triumph erlebte Gröschel im Mai 1997, als Dr. Radbod Rudolphs Ajano mit Andrzej Tylicki im Sattel in München-Riem am „grünen Tisch" zum Sieger im Großen Müller Brot-Preis (Gruppe II) erklärt wurde. Ajano war damit der erste Sieger in einem Grupperennen, der auf der Neuen Bult trainiert wurde.

Ein weiteres Highlight auf Grand Prix-Ebene gab es 2006, als Dr. Dr. Christiane Ottos Waleria das Fürstenberg-Rennen in Baden-Baden gewann und ein Jahr später mit dem Großen Preis der Deutschen Einheit in Hoppegarten noch ein Zweites Gruppe III-Rennen an ihre Fahnen heften konnte. Zudem war die Artan-Tochter noch aus drei Listenprüfungen als Siegerin hervorgegangen.
Dass bei allem Erfolg auch die eigene Gesundheit eine große Rolle spielt, machte das Rennjahr 2008 deutlich, das von einem tragischen Unglücksfall überschattet wurde.  Gröschel war im Führring auf dem Düsseldorfer Grafenberg  von einem auskeilenden Pferd im Gesicht schwer verletzt worden. Zwar bestand keine Lebensgefahr, doch konnte trotz bester ärztlicher Versorgung und einer mehrwöchigen Auszeit die Sehkraft auf einem Auge nicht komplett wiederhergestellt werden. An den Ruhestand wurden aber keine Gedanken verschwendet. Es musste weitergehen. Und so nahm Gröschel Kurs auf die magische Zahl von 1000 Siegen.

Diesen Meilenstein passierte Gröschel am 29. August 2010, als Fine Emotion in Berlin-Hoppegarten als Sieger den Zielpfosten passierte. Der Trainer erlebte den besonderen Moment vor einem Monitor während der Großen Woche in Iffezheim. Bei der von Kollege Christian Sprengel und Turflegende Hein Bollow spontan initiierten Champagner-Dusche gab es kein Entkommen.

Damit nicht genug, gab Gröschel das nächste Etappenziel bekannt: „Nun möchte ich die Siegmarke meines Vaters übertreffen, der es auf 1086 Erfolge brachte." Zu dieser Zeit war es vor allem der Evershorsterin Irini gelungen, in den Farben von Jürgen Frey zur viermaligen Listensiegerin aufzusteigen, darunter in Meran und Mailand. Die italienische Modestadt war gleichzeitig auch die Stätte ihres größten Triumphes, als sie sich in die Siegerliste des zur Gruppe III zählenden Premio Verziere eintragen konnte. Das sind insofern besondere Erfolge, da Gröschel nicht gerade als Freund großer Auslandsexpeditionen gilt.
 
Der 14. Juli 2012 war ein ganz besonderer Tag im Leben des Trainers. Im ersten Rennen im Leipziger-Scheibenholz war es Gröschel gelungen, mit Ground Control die Siegmarke seines Vaters von 1086 Erfolgen um einen Treffer zu überbieten. Das große Lebensziel war damit erreicht. Ohnehin war 2012 mit 48 Saisonsiegen das Spitzenjahr des Trainers, was ihm am Jahresende Platz 4 in der Championatswertung bescherte. Zwar blieb dem ehrgeizigen und fleißigen Coach in besagtem Jahr ein Sieg auf Gruppeparkett verwehrt, doch zielte der zweite Platz von Dr. Dr. Christiane Ottos Wasimah im Diana Trial von Hoppegarten (Gruppe II) in die richtige Richtung.

In den Folgejahren etablierte sich das Quartier zunehmend in der gehobenen Klasse. Während Wasimah kein Gruppesieg gelingen wollte, die Stute dafür aber das höchstdotiertes Listenrennen in Deutschland gewann, war Rennstall Darbovens Polish Vulcano zur Stelle, der in Baden-Baden den Sieg im Preis der Sparkassen Finanzgruppe (Gruppe III) einfahren konnte. Die Stallgefährtin Koffi Angel krönte ihre 6 Saisonsiege mit einem Listentreffer in Köln. Und Beau Reve war nicht nur im Auktionsrennen von Hoppegarten auf der Siegerstraße, sondern zudem noch in zwei Ausgleich I-Rennen. Sieger im höchsten Handicap waren auch Redesert und Foreign Hill. Neben dem immer größer werdenden Vertrauen, das Gröschel aus dem Besitzerlager entgegengebracht wurde, waren es vor allem die verbesserten Trainingsbedingungen auf der Neuen Bult, die zu immer professionellerer Arbeit und dadurch größeren Erfolgen auf dem grünen Rasen beigetragen hatten. Ausschlaggebend hierfür war die Ansiedlung des Trainingsbetriebes von HRV-Präsident Gregor Baums Gestüt Brümmerhof im Jahr 2013, die enorme Investitionen in den Trainingsstandort mit sich brachte.

Als Krönung seiner bisherigen Karriere muss man bei Hans-Jürgen Gröschel die Jahre 2015 und 2016 bezeichnen. In dieser Zeit machten nicht nur Pferde wie die zweimalige Listensiegerin Techno Queen oder die Ausgleich I-Sieger Fair Trade und Koffi Prince auf sich aufmerksam. Auch eine gewisse Shy Witch und der spätere Champion Iquitos rückten in den Fokus der nationalen und internationalen Turfszene. Beide absolvierten 2015 ihre ersten Auftritte. Die zweijährige Shy Witch, die aus der Zucht ihrer Besitzerin Karin Schwerdtfeger stammt, gewann beim Debüt in Hannover und  war anschließend Zweite im Badener Zukunftsrennen (Gruppe III). Sie ging mit einem Listensieg auf der Neuen Bult in die Winterpause. Im Jahr darauf zeigte die Areion-Tochter als Zweite in den German 1.000 Guineas, dass sie hierzulande zur ersten Garde zählt. Was fehlte, war lediglich ein Sieg. Den holte Shy Witch einen Monat später nach, als sie während der Derbywoche die Hamburger Stutenmeile (Gruppe III) gewann und damit zu ihrem längst verdienten Erfolg auf Grand Prix-Parkett kam.

Während Shy Witch praktisch aus dem Stand in der Grand Prix-Klasse zuhause war, galt es für Iquitos die Stufen peu a peu zu erklimmen. Er startete im Alter von drei Jahren. Auf der Neuen Bult konnte er bei seinem zweiten Start die Sieglosenklasse verlassen und damit eine dreifache Siegesserie durch die Ausgleiche III und II einläuten. Seine Karriere hatte nach seinem großartigen zweiten Platz im Großen Preis der Sparkasse Krefeld (Gruppe III) zunächst einen harten Stopp erfahren müssen. Durch eine Kolik lag sogar sein Leben auf Messers Schneide. Doch das Kämpferherz des kleinen Hengstes war ungebrochen, ob Lebens- oder Leistungswille. Auf für ihn passendem durchlässigen Untergrund gewann er Ende Mai 2016 als 122:10 Außenseiter sensationell den Großen Preis der Badischen Wirtschaft (Gruppe II), um drei Monate später dort ein weiteres Mal zuzuschlagen: im Großen Preis von Baden (Gruppe I)! Damit ist Iquitos als der erste Gruppe I-Sieger der auf der Neuen Bult trainiert wird, in die Geschichtsbücher eingegangen.

Es folgte zum Abschluss des Jahres ein Start im Japan-Cup, im mit umgerechnet über 5 Millionen Euro höchstdotierten Grasbahnrennen der Welt. Und trotz der bis dahin schon langen und kräftezehrenden Saison zog sich Iquitos im Land der aufgehenden Sonne glänzend aus der Affäre. Als bester Europäer belegte er unter Ian Ferguson in einem Weltklasse-Feld von 17 Pferden einen respektablen siebten Platz. Zu Beginn des Einlaufs schien sogar das dritte Geld im Rahmen des Möglichen, doch konnte Iquitos an der Innenseite auf dem losen Untergrund nicht mehr entscheidend zulegen.

Iquitos wurde erster Gewinner der German Champions League der Galopper, gewann den „Online Award" als Pferd des Jahres 2016 und wurde im selben Jahr zum Galopper des Jahres gewählt. Für Hans-Jürgen Gröschel wurde damit ein Märchen wahr: „Ich hätte niemals gedacht, dass ich in meinem Rentenalter so etwas noch erleben werde", gab sich Gröschel immer wieder überwältigt von den Eindrücken, die ihm Iquitos bisher beschert hat.

2017 folgte mit seinem Sieg im Großen Dallmayr-Preis in München-Riem ein weiterer Sieg auf höchstem Gruppe-Level, zudem war Iquitos Zweiter im Großen Preis der Badischen Wirtschaft (Gruppe II), Zweiter im Großen Hansa-Preis (Gruppe II), Zweiter im Großen Preis von Baden (Gruppe I) und Zweiter im Großen Preis von Bayern (Gruppe I). Zum Jahresabschluss folgte erneut ein Gastspiel im Japan-Cup, das allerdings unter keinem guten Zeichen stand, und bei dem sich Iquitos nicht in Szene setzen konnte.

Anfang Juni diesen Jahres folgte erneut ein ganz großer Wurf von Iquitos, als er als Jahresdebütant erneut den Großen Preis der Badischen Wirtschaft gewinnen konnte. Als nächster Start steht für Iquitos die Teilnahme im Grand Prix de Saint-Cloud am 1. Juli in Paris auf der Agenda.

Der Hannoversche Rennverein wünscht Hans-Jürgen Gröschel bei bester Gesundheit noch viele schöne und erfolgreiche Stunden im Galopprennsport sowie „Hals & Bein" für seinen Rennstall.


Autor: Sven Wissel